Mona

An diesem Sonntag ist draußen nicht viel los, verständlich bei dem Mistwetter. Näher und näher kommt sie der Brücke und somit auch dem Mädchen, das irgendetwas längliches in einer Hand hält. Felicia kann noch nicht erkennen, was es ist und vor allem wer es ist, doch irgendwie ist ihr plötzlich ganz schlecht. Sie läuft schneller, rennt schon fast und bleibt wie angewurzelt stehen, als sie ihre Schwester erkennt. Erst will sie ihren Namen rufen, hält dann aber inne.

Grün und spitz

„Mona, was hast du bloß vor?“ flüstert sie nur. Das Mädchen tritt näher an das Brückengeländer heran und führt den Gegenstand an ihr Handgelenk. Felicia steht inzwischen seitlich hinter ihr. Jetzt hört sie, dass ihre Schwester weint. Ihr Schluchzen wird immer lauter und plötzlich versteht Felicia. Sie rennt los, packt ihre Schwester und zieht sie nach hinten. Vor Schreck öffnet Mona ihre Hand, wirbelt herum und schaut Felicia erschrocken in die Augen. Dann blicken beide zu Boden. Ein Messer. Grün und spitz. Felicia weiß, dass ihre Mutter solche auch zuhause hat. Damit schneidet sie immer das Gemüse. Mona will das Messer aufheben, doch Felicia schlägt es ihr aus der Hand. Klirrend fällt es durch die Gitterstäbe nach unten ins Wasser.

Schwer, obwohl sie so leicht ist

Ihre Schwester wimmert leise und schaut sehnsüchtig hinterher. Felicia war bis eben nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen, doch jetzt packt sie ihre Schwester am Arm. Sie will gerade Luft holen, um ihr eine ordentliche Standpauke zu halten, als sie Mona´s endgültiger Blick mitten ins Herz trifft. Sie schluckt. „Wenn es dir egal ist“, fängt ihre Schwester plötzlich an zu reden.
„Egal was mit dir passiert, egal was dich verletzt.“
Sie sackt zusammen und hängt jetzt in Felicia´s Armen. Schwer, obwohl sie so leicht ist. Kraftlos, willenlos. Ihr Blick leer. Ohne Ausdruck, ohne Leben. Sie starrt, während sie spricht. Ihre aufgerissenen Lippen bewegen sich langsam und scheinen unkontrolliert. Felicia weiß nicht, ob sie mitbekommt, was sie sagt. „Die Menschen da draußen sehen nur deinen Körper. Dass dein Körper lebt, dass du dich bewegen kannst. Aber sie sehen nicht dich.“

Die Schwester die sie gar nicht kennt

Panisch dreht Felicia Mona zu sich und schüttelt sie leicht, als hoffe sie, so zusammen mit ihrer Schwester aus diesem Albtraum aufzuwachen. Ihr Herz rast.
„Mona bitte! Bitte lass dir helfen, komm wir gehen zu mir und dann bist du in Sicherheit!“ Felicia fällt es schwer zu sprechen, sie lehnt mit ihrer Schwester die sie gar nicht kennt am Geländer und weiß nicht, was sie tun soll. Einen Krankenwagen rufen? Oder die Polizei? Oder ihre Mutter? In ihrem Kopf rumort eine wirre Pampe, die sie beim Besten Willen nicht denken lässt. Viel zu schockiert ist sie über die Bilder, die ihr Kopf erst einmal verarbeiten muss. Am liebsten würde sie auf der Stelle umdrehen und nicht mehr aufhören zu weinen. Aber in ihren Armen liegt ein Häufchen Elend. Sie muss jetzt stark sein. Für ihre Schwester. Felicia spürt plötzlich diese Verbindung. Sie fühlt sich verantwortlich für alles was ab jetzt mit ihr passiert.

Familie.

Plötzlich reißt Mona sich los und knallt mit dem Kopf gegen die kalte Eisenstange des Brückengeländers. Felicia weicht erschrocken zurück. Vor ihr steht ein fremdes Mädchen und trotzdem hat sie das Gefühl sie zu kennen. Die ersten Haarsträhnen färben sich rot, sie blutet, doch verzieht keine Miene. Zitternd bewegt sie sich an Felicia vorbei, sie scheint ihre Beine
nicht richtig kontrollieren zu können.
„Komm mit mir! Alles wird gut bitte!“ Felicia schaut ihre Schwester eindringlich an, doch plötzlich rennt sie davon. Sie fällt fast hin, doch sie ist schnell. Ungläubig schaut sie ihr nach, einen Moment lang hat sie den Gedanken ihr nachzulaufen, aber sie weiß, dass sie ihre Schwester nicht mehr einholen wird. „Stopp, jemand muss das Mädchen aufhalten, bitte!“ Felicia wollte schreien, aber aus ihrem Mund kommt nur ein schwacher, heiser klingender Ton. Sie ist alleine. Niemand, der ihr helfen kann, niemand der Mona zurückbringt. Felicia steht nur da und versucht zu verstehen, was in den letzten Minuten passiert ist. Als sie auf den kalten Boden sackt, tritt ein älterer Herr neben sie und fragt, ob alles in Ordnung ist. Vielleicht ist eine Stunde vergangen, vielleicht aber auch nur ein paar Minuten. Felicia schaut durch ihren Tränenschleier in seine Augen. Besorgt und doch fröhlich blickt er ihr entgegen. Felicia schluchzt. „Sagen Sie, was kann ich, ich meine was kann man tun wenn alles aussichtslos ist? Wenn jemand nicht mehr weiterweiß, wenn jemand fertig ist? Was gibt es dann noch?“ Sie kann nicht mehr reden, ihre Worte sind kaum noch zu verstehen. Plötzlich ist es ihr peinlich. Sie steht auf und will weglaufen. Nach Hause, doch der Mann hält sie am Arm fest. „Familie“, brummt er und schaut ihr eindringlich in die Augen. „Familie“.