Meine fremde Schwester

„Ich konnte es ihr gerade noch aus der Hand schlagen und sie zur Seite schubsen! Sie war kurz davor, sie…hätte es wirklich getan!“
Felicia schreit. Sie schreit und weint. Die Augen weit aufgerissen, sie hustet, bekommt keine Luft.
Ihre Mutter weint jetzt auch. „Setz dich hin, Schatz bitte! Beruhige dich, erzähle mir alles ganz ruhig.“ Sie klingt verzweifelt. So hat Felicia ihre Mutter noch nie gehört. Sie will nicht, dass sie weint. Schon gar nicht wegen ihr oder irgendjemandem. Aber es ist eben nicht irgendjemand.
Vor ein paar Stunden hat sie ihre Mutter noch gehasst. Doch schlagartig ist all ihre Wut verflogen.
Felicia schluchzt, atmet schwer. Ihr Herz schlägt so schnell und hart, dass sie es hören kann. Sie zittert. „Du zitterst ja total!“ schreit ihre Mutter und fährt erschrocken hoch. Sie legt ihr eine Decke über die Schultern. Felicia ist nicht kalt.

„Ich weiß doch fast nichts über sie!“

„Ich weiß nicht, wo sie jetzt ist!“ kreischt Felicia und schlägt sich weinend die Hände vor die Augen. „Sie könnte überall sein, ich weiß doch fast nichts über sie!
Sie kann es doch jederzeit wieder tun! Mama bitte, wir müssen irgendwas machen! Ich dachte, dass sie mir nichts bedeutet, dass sie mir egal ist.“ Felicia blickt zu Boden. Sie weiß überhaupt nicht, was sie zuerst denken soll. Ihre Lippen formen die Wörter schwammig und ihre Augen brennen von der verlaufenen Schminke.
„Als ich sie heute gesehen habe, da habe ich ihr zum ersten Mal wirklich in die Augen geschaut. Ich hatte das Gefühl, ich weiß, was in ihr vorgeht. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich sie kenne, obwohl ich erst seit ein paar Wochen weiß, dass es dieses Mädchen überhaupt gibt. Ich habe sie angesehen, ihre Augen, ihre Nase. Die Art wie sich ihre Hände bewegen. Es hat mir Angst gemacht.
Ich habe mich wiedererkannt. Obwohl wir unterschiedlicher nicht sein könnten.“
Felicias Mutter ist inzwischen genauso bleich wie ihre Tochter.
Sie mustert Felicia von oben bis unten, als müsste sie prüfen, ob sie noch ganz ist. Ob sie in den letzten Stunden nicht irgendwie kaputtgegangen ist. Sie scheint sich nicht sicher zu sein.

Ein paar Stunden zuvor…

„Ich glaube das einfach nicht, das kann doch nicht wahr sein!“ Felicia läuft mit energisch-wütenden Schritten am Rheinufer entlang. Der Wind verweht ihre hellblonden Haare, sie zieht ihre Mütze tiefer ins Gesicht. Sie rennt mehr, als sie läuft und sie schreit mehr in ihr Handy, als sie redet. Am anderen Ende ist Anna. Ihre Freundin.
„Das ist nicht ihr Ernst, was denkt die denn? Vor ein paar Wochen sagt meine Mutter mir das erst und jetzt soll ich mich auch noch ständig mit dieser angeblichen Schwester treffen!
Einmal hat gereicht, das kann ich dir sagen. Schwester, von wegen! 18 Jahre hatte ich keine, dann brauche ich sie jetzt ja wohl auch nicht. Wie die aussah, das ging gar nicht! Ihren Mund hat sie auch nicht aufbekommen, nur die ganze Zeit ins Leere gestarrt. Meine Fragen nicht beantwortet, nicht auf meine daher gelogenen Komplimente reagiert. Ich habe das nur getan, damit meine Mutter zufrieden ist. Aber nein, es reicht ja nicht, sie hat schon wieder ein Treffen organisiert! Hinter meinem Rücken, was soll das?“

„Da hat doch jeder Hunger!“

Es ist Mitte Februar. Der Wind peitscht Felicia um die Ohren, ihre grünen Dockers sind inzwischen vom Kies hell verfärbt. Tränen der Wut laufen Felicia über ihr Gesicht, sie wischt sie schnell mit ihrem Jackenärmel weg und beherrscht sich. Sie weint eigentlich nicht.
Anna versucht sie zu beruhigen und sagt, sie gehe fest davon aus, dass Felicia´s Mutter nur Angst hatte und deshalb so lange mit der Wahrheit gewartet hat und sich jetzt nur wünscht, dass ihre beiden Töchter sich kennenlernen. Felicia hasst es, wenn sie so scheiße vernünftig ist.
„Da hat sie sich geschnitten, ich lasse mir garantiert nicht vorschreiben, mit wem ich mich zu treffen habe. Dieses Mädchen kann überhaupt nicht mit mir verwandt sein, sie war so komisch. In der halben Stunde in der wir zusammen am Tisch saßen, habe ich herausgefunden wie sie aussieht und was sie trinkt. Wasser. Wow. Nicht einmal gegessen hat die was, dabei war es halb sieben Uhr abends. Da hat jeder Hunger.“ Felicia setzt sich auf einen großen Stein und schaut den leichten Wellen zu, wie sie der Windeskraft verfallen, ans Ufer schlagen.

Sie läuft. Schnell.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht bewegt sie ihre rechte Hand, die die ganze Zeit steif am Handy festgehalten hat und inzwischen tiefgefroren ist. Es ist so neblig, dass sie den Dom nur unscharf, verschleiert erkennen kann. Nebelschwaden hängen in der Luft. Die unheimlich, mysteriöse Stimmung lässt sie schaudern und Felicia knöpft ihre Jacke weiter zu. Sie schaut in die Ferne, hoch auf die Hohenzollernbrücke, von der Touristen immer unzählige Fotos machen. Plötzlich erkennt sie eine zierliche Gestalt, nahe des Geländers. Sie kneift ihre Augen zu Schlitzen zusammen, um besser sehen zu können. Wie in Trance steht Felicia auf und läuft in Richtung Brücke. Schnell.

Hohenzollernbrücke Köln