Eine kölsche Weihnachtsgeschichte

Samuel läuft schon seit Ewigkeiten durch die Südstadt. Na gut, seit 22 Minuten um genau zu sein. Doch es kommt ihm vor, als sei die Welt um ihn herum stehen geblieben. Als habe sich in letzter Zeit etwas geändert. Er wohnt inzwischen schon seit über 10 Jahren in Köln. Geboren ist er hier nicht, wofür er sich manchmal ein bisschen schämt. Natürlich weiß er, dass das Quatsch ist, schließlich fühlt er sich wie ein echter kölscher Jung und das zählt.

Rumschenkerei und Glühwein Orgien

Es ist ungewöhnlich ruhig in der Stadt. Zwar ist Sonntag, dennoch kennt er seine Stadt als eine, die nie schläft. Auch nicht am Sonntag. Behutsam setzt er einen Fuß vor den anderen, als müsse er ungehört bleiben. Lächelnd denkt Samuel zurück an sein erstes Weihnachten in Köln. Geradezu euphorisch hat er sich einige Tage vor Heiligabend auf den Weg Richtung Zugasse gemacht. Eigentlich hat er es nicht so mit dem ganzen Weihnachts-Tamtam. Ihm ist das alles zu stressig. Warum fallen pünktlich zum 3. Advent alle in diesen Kaufhaus Tornado der bis zum einschließlich 24. Dezember nicht nachzulassen scheint? Doch dieses Weihnachten vor 10 Jahren sollte mehr werden als willkürliche Rumschenkerei und Glühwein Orgien – es war ein Zeichen für seinen Neuanfang. Ein neues Leben in der Stadt von der er schon so lange geträumt hat.

Kerzen und Lichterbögen

Nachdenklich schüttelt er den Kopf während er um die Ecke biegt, vor ihm der Chlodwigplatz. Ein Ziel hat er nicht, nur ein bisschen frische Luft. Früher hat er das oft gemacht, einfach draufloslaufen, ohne Ziel. Gucken, was passiert. Vom Dorf wo er herkommt, ist nie etwas passiert. In Köln passiert meistens was. Heute nicht und das gefällt ihm.
Seine Schritte verlangsamend schaut er neugierig in die vielen hell erleuchteten Fenster. Einige sind von innen mit Kerzen und Lichterbögen geschmückt, an anderen klettern lebensgroße Weihnachtsmänner empor und wieder andere stören die abendliche Winterromantik mit grellen Neonröhren im Innern. Es riecht nach gebrannten Mandeln.

Oma Klara, Oma Gertrud, Tante Isolde und Mama Gaby

Am Chlodwigplatz angekommen poppt die nächste Erinnerung aktuell und durchdringend in seinem Kopf auf wie eine unerwartete Instagram Nachricht. Wer chattet schon auf Instagram? Hier auf dem Weihnachtsmarkt hat er zu seinen Anfangszeiten mal Mandeln verkauft. Vielleicht hat es deswegen vorhin so gerochen. Das Unterbewusstsein kann ja so einiges. Er atmet hörbar aus. Soviel hat er schon lange nicht mehr nachgedacht, zumindest nicht über sich. Erst jetzt bemerkt er sein leises Brabbeln während er geht. An jedem anderen Tag wäre ihm das schon viel früher aufgefallen. Leute hätten ihn angestarrt oder sich nochmal zu ihm umgedreht um zu orten, wo das Geräusch herkam, das gerade im Vorbeigehen nur schwer zuzuordnen war. Nicht heute. Die Straßen sind wie leergefegt. Die Meisten sitzen gerade unterm frisch geschmückten Tannenbaum, verpacken noch die letzten Geschenke oder denken jetzt schon verzweifelt darüber nach, wie sie die Kilos vom Essen bei Oma Klara, Oma Gertrud, Tante Isolde und Mama Gaby wieder loswerden sollen.

Christbaumkugeln, Lametta und Engelshaar

Samuel hat beschlossen das Weihnachtsfest dieses Jahr ausfallen zu lassen. Die Hände tief in die Taschen gesteckt macht er Halt an einem villenähnlichen Konstrukt, das selbst Pippi Langstrumpf und C.O. neidisch machen könnte. Die hohen Sprossenfenster ermöglichen mühelos das Bewundern des riesigen Weihnachtsbaums. Samuel kann sogar ein paar Geschenke erkennen. Wobei er sich bei dem vielen Schnick Schnack an Tanne und Vordach nicht sicher ist, ob das nicht nur Attrappen sind. Das Haus strahlt Wärme und Glanz aus, eine heile Welt unterstrichen von Christbaumkugeln, Lametta und Engelshaar. Samuel hat dies alles nicht. Vor ein paar Jahren war er nicht anders gewesen als diese ganzen „Weihnachtsirren“, wie er sie heute nennt. Dieses Jahr fehlt etwas. Etwas, das bei weitem nichts mit Glitzer, Funkeln und Klimpern zu tun hat. Manchmal hat er das Gefühl, dass Weihnachten nicht mehr ist, als eine Talkshow. Es werden immer die gleichen Themen auseinandergenommen, immer dieselben Leute eingeladen und am Ende war es doch wieder viel Wirbel um nichts.

Sofie, Samuel, Lina

Plötzlich steht Samuel vor einer großen braunen, mit Stuck verzierten Holztür. Hausnummer 27a. Hier ist er seit Wochen nicht gewesen und heute wollte er hier auf keinen Fall sein. Zumindest hat er sich das eingeredet. Letztes Jahr war noch alles schön gewesen. Bis Sofie Tim mitgebracht hat und bis er Hals über Kopf seine Sachen gepackt hat obwohl sie meinte, das sei nicht nötig. Sie könnten doch darüber reden. Die letzten Monate war er nur hier um die Kleine zu sehen. Ab und zu hat er sie vom Kindergarten abgeholt und bis nach oben in den zweiten Stock begleitet. Wie versteinert stand er vor dem Türschild, an dem noch immer „Sofie, Samuel, Lina“ stand. Ob das da jetzt immer noch steht? Samuel hat Mühe, seine Gedanken zu ordnen.

Das Fest der Liebe

Er fragt sich, was er hier eigentlich macht, als die Tür ruckartig aufgezogen wird. Einige Sekunden vergehen, kein Wort fällt. Blicke treffen sich, Glocken läuten. Samuel versteht nicht, was die Frau, die ihm einst so vertraut war sagt. Erst jetzt, als sie ihren Satz wiederholt wacht er auf. „Lass uns Weihnachten feiern“, sagt Sofie nochmal leise. „Hast du einen Baum?“, fragt Samuel. „Steht der Lichterbogen deiner Eltern am Wohnzimmerfenster? Hast du gekocht und Geschenke gekauft so wie immer?“
„Nein“, antwortet Sofie und tritt zurück in den Hausflur. Samuel lächelt während er sie am Arm festhält. „Macht nichts, es ist ja nur das Fest der Liebe.“

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